Maghreb


Maghreb

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Ma|ghreb auch: Magh|reb 〈m.; -; unz.〉 die westliche (nordafrikanische) Region der arabischen Staaten (Marokko, Tunesien, Algerien) [arab., „Westen“]

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Mạ|gh|reb, der; -[s] [arab. maġrib = Westen; eigtl. = Abend]:
Tunesien, Nordalgerien u. Marokko umfassender westlicher Teil der arabischen Welt.

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Mạghreb
 
[arabisch »Westen«] der, -, im Unterschied zu Maschrek der westlichste Teil der arabisch-muslimischen Welt, in der ursprünglichen Bedeutung (seit dem 7. Jahrhundert, Beginn der arabischen Eroberung) das Land westlich von Ägypten, umfasst heute im Kern die Staaten Marokko, Algerien, Tunesien (die eigentlichen Maghrebstaaten), im weiteren Sinn auch Libyen und Mauretanien sowie das Gebiet von Westsahara (Großer Maghreb). Die landschaftliche und klimatische Gliederung verläuft weitgehend küstenparallel: Küstenstreifen mit mediterranem Klima (im Westen atlantisch geprägt), Atlasgebirge mit kontinentalem Gebirgsklima, nördliche Sahara mit extrem aridem Klima. Fast die gesamte Bevölkerung des Maghreb besteht aus Arabern und Berbern, Minderheiten sind Europäer und Juden. Die Islamisierung des Maghreb ist weitgehend vollendet, die Arabisierung dauert noch an. Die heutige Stadtkultur ist durchweg arabisch geprägt. Amts- und Verkehrssprachen sind Arabisch und Französisch (in Libyen nur Arabisch); verschiedene Berberdialekte werden in den Rückzugsgebieten der Berg- und Wüstenareale gesprochen. Kulturräumlich gehört der Maghreb zum islamischen Vorderen Orient, weist jedoch manche Besonderheiten auf, z. B. in Kunst (maurischer Stil, Berberkunst), Siedlungsformen (berberische Formen Ksar, Agadir, Tighremt), Religion und Staat (orthodoxe Sunniten, keine »islamische Theokratie«; Verehrung lokaler Heiliger [Marabut]; tribale, gewohnheitsrechtliche, soziale Organisationen der Berber; selbstständigere Rolle der Frau). Die traditionelle Oasenwirtschaft des Maghreb unterliegt starken sozioökonomischen Wandlungen: Neben landwirtschaftlichen Veränderungen (Marktproduktion, Investitionen von Remigranten, technologische Modernisierung besonders von Bewässerungsprojekten) gewinnen Dienstleistungsfunktionen an Bedeutung (Verwaltung, Tourismus). Der Ausländertourismus spielt bisher nur in Marokko und Tunesien eine große Rolle. Eine bedeutende Landwirtschaft findet man in Marokko und Tunesien; Bergbau prägt insbesondere die Erdölländer Algerien und Libyen. Zudem ist Algerien stark industriell geprägt, allerdings mit auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähigen Produkten. Zur Koordinierung der Zusammenarbeit gründeten die Maghrebstaaten 1989 die Maghreb-Union.
 
 
Um 3300-2000 v. Chr. wanderten von Osten her die Libu u. a. libysche Stämme (Libyer) in das Gebiet des Maghreb ein, vermischten sich mit den Einheimischen und bildeten so die später Berber genannten Bewohner. Seit etwa 1100 v. Chr. breiteten sich entlang der Küsten des Maghreb von Osten her die Phöniker aus, gründeten um 814 v. Chr. Karthago und schufen ein blühendes Reich mit Zentrum im tunesisch-ostalgerischen Raum, das Südspanien, Süd-Sardinien und Westsizilien umfasste und erst 146 v. Chr. im Kampf gegen Rom unterging. Seit der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. siedelten dorische Griechen in der Cyrenaika und gründeten Kolonien entlang der Küsten des Maghreb und der spanischen Süd- und Ostküste. Im mittleren und westlichen Maghreb bestanden vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. mehrere bedeutende Berberkönigreiche. Ab 146 v. Chr. breiteten sich die Römer allmählich im Maghreb aus und schufen hier bis 400 n. Chr. sieben Provinzen. Die von ihnen am intensivsten kolonisierten Provinzen Africa proconsularis, Byzacena und Numidia (Raum Tunesien und Ostalgerien) dienten im 1. und 2. Jahrhundert als »Kornkammer Roms«.
 
Das Christentum verbreitete sich seit dem 1. Jahrhundert im Maghreb; um 250 n. Chr. gab es hundert Bischofssitze allein in Tripolitanien und Numidien. 312/313 kam es auf dem Konzil von Karthago zum Schisma; die Donatisten breiteten sich rasch aus und hatten am Ende des 4. Jahrhunderts 400 Bischofssitze. 429 errichteten die arianischen Wandalen ein Königreich (bis 533), in dem Landwirtschaft, Gewerbe und Handel blühten. Die Byzantiner eroberten 533 den östlichen und zentralen Maghreb, gliederten den westlichen Maghreb aber nur administrativ ein auf der Basis einiger isolierter Küstenplätze. Im byzantinischen Territorium entfaltete sich rege Bautätigkeit und erneut aufblühende Landwirtschaft. Seit 642 drangen die Araber, von Maschrek kommend, systematisch durch das Küstenhinterland nach Westen vor und gliederten bis 711 den gesamten Maghreb dem Omaijadenreich ein. Der Gouverneur Musa Ibn Nusair veranlasste unmittelbar darauf die Eroberung der Iberischen Halbinsel (711-714). Von 750 bis Ende des 8. Jahrhunderts war der Maghreb Teil des Abbasidenreichs, danach bildeten sich faktisch unabhängige Regionaldynastien (u. a. Aghlabiden und Fatimiden, Rustamiden, Idrisiden, Siriden und Hammadiden). Einen herben Rückschlag, v. a. für den östlichen und mittleren Maghreb, brachte die Herrschaft der Beduinenstammesverbände der Beni Hilal und Beni Soleim (1052-1152), die zur kulturellen Umorientierung auf das islamische Spanien hin führte (Entstehung der eigentlichen maurischen Kultur). Seinen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und städtebaulichen Höhepunkt erreichte der Maghreb unter den islamisch-berberischen Dynastien der Almoraviden (1061-1147), Almohaden (1147-1269), Meriniden (1269-1420/65) und den mit diesen verwandten Wattasiden (1472-1554) mit den Machtzentren im westlichen und mittleren Maghreb sowie den Hafsiden (1229-1574) im östlichen Maghreb. Während Marokko unter den arabischen Dynastien der Sadier (1554-1659) und Hasaniden (seit 1666) nationale Identität erreichen konnte, geriet der mittlere und östliche Maghreb im 16. Jahrhundert unter die Oberherrschaft des Osmanischen Reiches.
 
Die im 19. Jahrhundert mit der Besetzung Algeriens (1830) durch Frankreich beginnende europäische Kolonialherrschaft, die von Auseinandersetzungen mit berberischen Aufständischen begleitet war, führte u. a. zu Veränderungen in der Verwaltungsstruktur (Übergang von tribaler zu bürokratisch-funktionalen Organisationsformen). Im Zuge der Auflösung der europäischen Kolonialreiche in Asien und Afrika entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg im Bereich des Maghreb die unabhängigen, politisch unterschiedlich strukturierten Staaten Libyen, Tunesien, Algerien (in einem Krieg mit Frankreich 1954-62), Marokko und Mauretanien.
 
 
J. Despois u. R. Raynal: Géographie de l'Afrique du Nord-Ouest (Paris 1967, Nachdr. ebd. 1975);
 J. M. Abun-Nasr: A history of the Maghrib (Cambridge 21975);
 Ibn Khaldun: Histoire des Berbères et des dynasties musulmanes de l'Afrique septentrionale, 4 Bde. (Neuausg. ebd. 1978);
 C.-A. Julien: Histoire de l'Afrique du Nord. Tunisie, Algérie, Maroc, 2 Bde. (ebd. 21978);
 
Le M. Hommes et espaces, bearb. v. J. Bisson u. a. (ebd. 21987);
 F. Burgat: L'Islamisme au M.: la voix du Sud (Paris 1988);
 
Nordafrika u. Vorderasien, hg. v. H. Mensching u. E. Wirth (Neuausg. 1989);
 P. Balta: Le grand M. (Paris 1990);
 
L'état du M., hg. v. C. u. Y. Lacoste (Casablanca 1991);
 C. Spencer: The M. in the 1990s. Political and economic developments in Algeria, Morocco and Tunisia (London 1993);
 
Oasen im Wandel, mit Beitrr. v. H. Popp u. a. (1997).
 

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Mạ|ghreb, der; -: Tunesien, Nordalgerien u. Marokko umfassender westlicher Teil der arabischen Welt.

Universal-Lexikon. 2012.

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